Geschichte Schlesiens – oft verdeckt unter dem alten Putz

Wohnhaus in Gorek (Gòrek) in der oberschlesischen Gemeinde Proskau (Prószków) Foto: T. Voßbeck

Am Bahnhof „Głuchołazy“ in Oberschlesien ist noch die alte Beschriftung „Ziegenhals“ zu erkennen. Foto: Till Scholtz-Knobloch
Verdeckte und mittlerweile auch wieder freigelegte deutsche Inschriften in Schlesien sind stumme Zeugen der Vergangenheit, die das Schlesische Museum als Auseinandersetzung mit Geschichte und Kulturerbe zeigt.
Görlitz. Am Freitag, dem 30. Januar, 18.00 Uhr, eröffnet das Schlesische Museum zu Görlitz in der Brüderstraße 8 die Ausstellung „Zeichen der Zeit. Deutsche Inschriften in Schlesien“ zu historischen Schriftzügen, die nach 1945 vielfach ausgelöscht werden sollten.
Fotografien von Thomas Voßbeck von 2018 bis 2025 werden ergänzt durch Texte des Regionalforschers Dawid Smolorz. Im Anschluss an die Eröffnung diskutieren Smolorz, Voßbeck und Lucjan Dzumla, der Direktor des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit Gleiwitz (Gliwice)/Oppeln (Opole) und der Denkmalschutzbeauftragte der Woiwodschaft Niederschlesien Daniel Gibski bei freiem Eintritt. Am Samstag, 31. Januar, führt das deutsch-polnische Team ab 11.00 Uhr durch die Ausstellung. Seit acht Jahren dokumentieren Smolorz und Voßbeck deutsche Inschriften, treffen in Nieder- und Oberschlesien dabei auf Menschen, die in Häusern oder an Orten mit solchen Schriftzügen leben, und sammeln deren Geschichten. Der Eintritt beträgt 3 Euro zuzüglich 4 Euro für die Sonderausstellung. Am selben Tag um 15.00 Uhr findet eine Führung auch auf Polnisch mit Smolorz statt. Am Sonntag, 1. Februar, 15.00 Uhr, bietet Agnieszka Bormann eine kurze Einführung in die Ausstellung auf Deutsch und Polnisch an.
In den letzten Jahren sind in vielen größeren, ehemals deutschen Städten, Initiativen entstanden, die sich für die Bewahrung deutscher Inschriften einsetzen. Darunter sind etwa „Blizny Poznania“ (Posens Narben), aber auch gleich mehrere Breslauer Gruppen, so „Spod tynku patrzy Breslau“ (Breslau schaut unter dem Putz hervor). Auch einig Einzelakteure sind aktiv, wie der Blogger Maciej Wlaz³o aus Breslau, Izabela Korniluk oder Grzegorz Wanatko aus Grünberg (Zielona Góra). Sie alle setzen sich dafür ein, dass deutsche Inschriften wiederhergestellt werden.
Ein neuer Trend historischer Sichtbarkeit hat Polen erfasst
Korniluk und Wanatko arbeiten im Museum des Lebuser Landes, das einen Großteil vom einstigen Ostbrandenburg abdeckt. Sie sind unterwegs, Reste alter Schriftzüge, Reklamen und Schilder in Grünberg zu entziffern. Mithilfe alter Adressbücher konnten sie etwa dem Schriftzug „Malermeister“ den Namen des Handwerkers Heinrich Seidel zuordnen. Im Grünberger Marschallamt, wo sich einst die Brennerei Raetsch befand, hängt nun ein restauriertes Cognac-Raetsch-Reklameschild. Auch am heutigen Städtischen Sozialamt wurde die historische Beschriftung der einstigen Schule saniert.
In Oberschlesien trägt Dawid Smolorz, dessen Vater polnischer Rückkehrer aus Frankreich und dessen Mutter gebliebene deutsche Oberschlesierin ist, über die Internetplattform „Vergessenes Erbe / Vergessene Inschriften“ (Zapomniane dziedzictwo) Relikte zusammen. Aufgewachsen in den oberschlesischen Großstädten Hindenburg (Zabrze) und Gleiwitz, stieß Smolorz sehr früh auf deutsche Inschriften auf alter Bausubstanz: „In den 80er-Jahren war ich Teenager und damals hatte der polnische Staat bereits größere Probleme in seinem Kampf gegen die optischen Relikte der deutschen Vergangenheit. So bin ich auf meinem Weg zur Schule zum Beispiel an Beschriftungen wie: ‚Löschwasserstelle 50 Meter’ vorbeigegangen“, erinnert sich der Journalist und Autor. „Ich empfand das als eine Art Nachrichten aus einer früheren Zeitepoche“, sagt er.
Die Ästhetik des Morbiden
Schnell merkte Smolorz, dass auch in anderen Städten in Nieder- und Oberschlesien noch zahlreiche solcher Überbleibsel sichtbar waren. Schon damals empfand er diese Schriftzüge als etwas Schönes. „Die Fraktur, die Buchstaben sind sehr ästhetisch“. Es interessierte den späteren Germanisten und Übersetzer, welche Geschichten sich hinter diesen Inschriften verbargen. Ähnlich neugierig und auf der Suche nach Geschichten von einst war der Fotograf Thomas Voßbeck. Als die beiden vor Jahren aufeinandertrafen, Smolorz übersetzte für den Berliner, hatte Voßbeck keine Ahnung, dass in Oberschlesien nach 1945 Deutsche geblieben und noch so viele Überreste des Deutschen in der Region zu finden waren. Es war ein Glücksfall für ihn, in Smolorz jemanden zu finden, der ihn durch die Geschichte Schlesiens führte. „Nach Jahren des gemeinsamen Reisens und Arbeitens ist Oberschlesien für ihn eine zweite Heimat geworden“, bekennt Smolorz.
Für ihn gilt die Regel: „Je schlechter der Zustand einer Stadt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass hinter dem alten Putz noch Spuren vergangener Zeiten zum Vorschein kommen.“ So sind Smolorz und Voßbeck im niederschlesischen Waldenburg (Walbrzych) auf Schilder der ehemaligen Bäckerei Max Griegers gestoßen. „Dies stellt ein deutliches Beispiel für eine ‚Entdeutschungspolitik’ dar, die an diesem Objekt scheinbar schludrig durchgeführt wurde. Denn die einzelnen Buchstaben wurden zwar abgeschlagen, aber der Text blieb trotzdem weitgehend lesbar“, so Smolorz. Die Bäckerei befand sich im Stadtteil Dittersbach (Dzietrzychów), der sich durch die Melchiorgrube (Mieszko) seit Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Bauern- und Weberdorf zu einem Industrieort entwickelte.
In Oberschlesien um Oppeln sind Relikte deutscher Vergangenheit mühelos zu finden, sagt Smolorz: „Auf etlichen Dächern von Häusern oder Scheunen sind noch Aufschriften, wie ‚Gott mit uns’ zu lesen“. Hier verblieben nach dem Krieg die meisten Deutschen.
Doch Smolorz und Voßbeck dokumentieren auch kürzlich restaurierte Gebäude, bei denen die Inschriften saniert wurden. In der Hindenburger Bahnhofstraße (ul. Dworcowa) strahlt ein Ladenschild aus der Vorkriegszeit in altem Glanze. Auch bei der Renovierung eines Bürgerhauses in der Nähe des Gleiwitzer Bahnhofs wurde eine Inschrift freigelegt und nachgezogen.