Glosse: Ein komischer Neujahrsempfang 2026

Thomas Ramge fand Görlitz und seinen eigenen Vortrag sichtlich klasse. Foto: Matthias Wehnert
Görlitz. Politik wird immer verrückter. Emmanuel Macron trat am Dienstag beim Weltwirtschaftsforum in Davos mit blau verspiegelter Aviator-Sonnenbrille, mutmaßlich dem Luxusmodell Henry Jullien – Pacific S 01 auf. Der Neujahrsempfang der Stadt Görlitz tags zuvor konnte in Sachen komischer Attribute aber durchaus mithalten. In Anwesenheit von Kaufhausinvestor Winfried Stöcker kam Ministerpräsident Kretschmer als einziger in kurzer Rede schelmisch schnell auf den Punkt und bat in Sachen der Eröffnung dort statt „komische Reden“ zu halten, die Sache jetzt in Ordnung zu bringen. Das ging also flott charmant noch durch. Octavian Ursus zähere Selbstlob-Matinée zuvor hingegen war zwar für solch eine Veranstaltung durchaus üblich, gipfelte aber nach Ehrerbietungen aus Wissenschaft und Wirtschaft in einem Vortrag von Bestsellerautor Thomas Ramge, der Zukunft erklärt, bevor sie stattfindet. Ramge griff auf die üblichen Fertigkeiten der Moderne zurück, mit viel Gestik eine Reihe von Allgemeinplätzen aufzublähen. Damit es bedeutungsschwanger genug klingt, schrieb Ramge seiner zentralen These von notwendigen „Sprunginnovationen“ – darunter die eingangs von ihm genannte mRNA-Impfung – im Beisein von Bischof und Generalsuperintendentin eine „Heilige Dreifaltigkeit“ aus „Diversity, Coopetition, Serendipity“ (Vielfalt, Kooperation und glücklicher Fügung) zu. Als bekennender Mittelhesse stach Ramges scheinbare Hoffnung hervor, Donald Trump Irre zuzuschreiben – mit unterstützen Turnübungen im Stil des Scheibenwischers. Die Aussicht auf besonders billigen Szenenapplaus mag Ramge möglicherweise vielfach im Westen erfolgreich erprobt haben, in Görlitz gab’s einen solchen nicht sowie auch nur bescheidenen Gesamtbeifall für den Missionar des Fortschrittsoptimismus’. Damit das erhoffte Ziel Happiness (Glück/Freude) aber nicht ganz unterging, spielten junge Musiker der Musikschule Johann Adam Hiller beim Handschlag mit dem OB „Happy“ von Pharrell Williams an. Happiness war aber aus anderen Gründen angebracht, denn die musikalischen Künste verbreiteten auch beim Stück „A million dreams“ mit Sologesang von Nicole Hämisch und Tobias Bartel tatsächlich Happiness.
Den Neujahrsempfang hatte ich schon ad acta gelegt, als mich Mittwoch noch eine Pressemitteilung aus dem Rathaus über das Meinungsbild zur Farbgebung beim Anbau an die Stadthalle erreichte. Wie in der Ausgabe vom 10. Januar vorausgesagt, sind natürlich weit mehr Stimmen online eingegangen (6.165) als in mühseliger Papierform (774). Damit verbunden war ergo die Annahme, dass ein eher jüngeres Publikum die farblich schrille Wahl trifft und das konservative Papierpublikum Sandmetallic. Und – wie vorherbefürchtet – hat die Stadt in der Pressemitteilung im Fettdruck dann doch aufaddiert, so dass man nun Gesamt 56,81 % für Rotorangefarben hervorhebt. Damit könnte ich noch leben, aber die eigentliche Erkenntnis ist, wie vorhersehbar psychologisch geleitet heute der Öffentlichkeit Meinungsbildung durch Beteiligungs-„Management“ als Erfolg angepriesen wird. Die ’Serendipity’ des Neujahrsempfangs wurde leider nicht antizipiert. Diese hätte wohl geboten, der fachlichen Expertise von Architekten zu trauen. Am Ende wären dann wohl deutlich mehr Gemüter happy.