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Griechen in Görlitz: Kalispéra auch nach 110 Jahren

Griechen in Görlitz: Kalispéra auch nach 110 Jahren

Octavian Ursu gratuliert als OB von deutscher Seite Nikos Rusketos (r.) zum 50. Bühnenjubiläum und gelungenem Festivalstart vor dem griechischen Obelisken im Paderewskipark. Foto: Klaudia Kandzia

Das Griechische schimmert immer wieder latent in Görlitz durch, nachdem die Stadt zweimal in 110 Jahren „teil“-hellenisiert wurde. Dieses Jahr wurde an die 110-jährige Geschichte der Griechen erinnert, deren wenige Nachkommen heute um die griechische Muttersprache kämpfen.

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Nikos Rusketos ist Begründer des griechischen Festivals und Ideengeber für den Gedenkstein. Foto: Matthias Wehnert

Görlitz. Mit der erstmaligen Wiedergabe der allerersten Tonaufnahme des griechischen Instruments Bouzouki von 1917 begann kürzlich das Internationale Festival des Griechischen Liedes (28. Miedzynarodowy Festiwal Piosenki Greckiej) im Paderewskipark auf polnischer Seite von Görlitz.

Im Jahre der Anerkennung der griechischen Gemeinschaft als nationale Minderheit durch das polnische Parlament bekam das 28. Festival im Juli dabei eine besondere Bedeutung. Zugleich wurde nämlich an die 110-jährige Geschichte der Griechen in der Neißestadt erinnert.

Der Aktivist und Begründer des Festivals, Nikos Rusketos, wies darauf hin, dass zwischen 1916 und 1919 dort, wo sich heute die Parkanlage erstreckt, „Gäste aus Griechenland in einem 28 Hektar großem Lager lebten“, so Rusketos, der mit seiner Band Orpheus 50 Jahre Bühnenjubiläum feiert. Erst Ende der 20er-Jahre wurde das Gelände überplant, die Gartenvorstadt angelegt und der Georg-Wiesner-Park (der heutige Paderewskipark) geschaffen. Dabei blieb ein Teil der ehemaligen Lagerfläche als Grünanlage erhalten.

Im September 1916 traf das IV. Griechische Armeekorps mit rund 6.500 bis 7.000 Soldaten und Offizieren in Görlitz ein. Anders als gewöhnliche Kriegsgefangene waren die Männer freiwillig nach Deutschland gekommen. Hintergrund war die politische Krise in Griechenland während des Ersten Weltkriegs. König Konstantin I. verfolgte einen neutralen Kurs und stand dem Deutschen Reich nahe, während Ministerpräsident Eleftherios Venizelos den Eintritt Griechenlands in den Krieg auf Seiten der Entente befürwortete.

Als bulgarische Truppen Ostmakedonien besetzten, erhielt das IV. Armeekorps den Befehl, keinen Widerstand zu leisten. Um einer Internierung durch Bulgarien zu entgehen, vereinbarte die griechische Führung mit Deutschland die Verlegung des gesamten Korps nach Görlitz

Die Soldaten galten nicht als Kriegsgefangene, sondern wurden als Internierte unter der Aufsicht der deutschen Behörden untergebracht.

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Die Stadtoberhäupter Octavian Ursu (West) und Rafal Gronicz (Ost) und rechts von ihnen Marek Bonifatiuk, Pfarrer der orthodoxen Gemeinde der Heiligen Konstantin und Helena, bei der Gedenkfeier, der ein Konzert von Angelo Wangelis folgte. Foto: M. Wehnert

Das Lager umfasste zahlreiche Holzbaracken, Wirtschaftsgebäude, Küchen, Lazarette und Werkstätten. Die Internierten konnten sich vergleichsweise frei bewegen. Sie besuchten Geschäfte und Gaststätten in Görlitz, nahmen am kulturellen Leben teil und gingen teilweise einer Arbeit nach. Manche Offiziere wohnten in Privatquartieren.

Schon bald entwickelte sich das Lager zu einer kleinen griechischen Gemeinde. Es fanden orthodoxe Gottesdienste, Theateraufführungen und Konzerte statt. Sportveranstaltungen gehörten ebenso zum Alltag wie der Betrieb einer Bibliothek. Sogar eine griechischsprachige Zeitung erschien regelmäßig. Die „Nea tou Görlitz“ (Neuigkeiten über Görlitz) berichtete über das Lagerleben und Ereignisse in der Heimat. „Die Ausgaben wurden archiviert und man kann sie gerne einsehen“, so Bibliotheksleiterin Krystyna Radzieta.

Auch für die Musikgeschichte spielte das Görlitzer Lager eine Rolle. Wissenschaftler der Königlich-Preußischen Phonographischen Kommission fertigten Tonaufnahmen griechischer Volksmusik und erstmalig auch der Klänge des traditionellen Instruments – Bouzouki an. Gesungen wurde sie von Apostolos Papadiamantis, begleitet von dem Bouzoukispieler Antonios Lingos.

Der Große Krieg hinterließ auch im Lager seine Spuren. Die Spanische Grippe forderte zahlreiche Opfer – 133 griechische Soldaten starben. Sie wurden auf dem Görlitzer Stadtfriedhof beigesetzt. Heute erinnert dort eine Gedenkstätte an die Verstorbenen. 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kehrten die meisten Soldaten nach Griechenland zurück. Dort gerieten viele wegen ihrer Internierung in politische Auseinandersetzungen und verloren ihre militärische Stellung. Rund 200 Griechen blieben jedoch in Görlitz, gründeten Familien und wurden Teil des städtischen Lebens.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ein zweites Kapitel der griechischen Geschichte an der Neiße. Nach der Vertreibung der Deutschen aus dem polnisch gewordenen östlichen Teil der Stadt nahm die polnische Stadthälfte ab 1949 mehrere tausend Flüchtlinge aus dem griechischen Bürgerkrieg auf. Bis 1950 kamen 15.000 Griechen und (Slawo)- Makedonier per Schiff oder auf dem Schienenweg erst einmal nach Danzig, Gdingen (Gdynia), Stettin und dann nach Schlesien. Die größten Auffanglager befanden sich in Pölitz (Police) nördlich von Stettin und eben in Ost-Görlitz. Bald schon entstand dort ein staatliches Erziehungszentrum für Kinder und Jugendliche aus Griechenland mit Grundschule, Lyzeum und Internat. Wegen dieser Einrichtung für Kinder hatten die griechischen Flüchtlinge die Stadt „Paidopolis“ und die Slawo-Makedonier diese „Detski Grad“ genannt, beides bedeutet Kinderstadt.

Im heute zwischen Griechenland, Bulgarien und Nordmazedonien geteilten Makedonien leben vorwiegend Griechen und dem Serbischen und Bulgarischen nahestehende Idiome sprechende Slawen, die heute im Gegensatz zu den griechisch sprechenden Makedoniern um Thessaloniki Mazedonier genannt werden.

Im Sommer 1950 wurde das Erziehungszentrum aufgelöst und die Flüchtlinge auf die umliegenden Städte verteilt. Ein bedeutender Teil der Griechen und Slawo-Makedonier blieb jedoch in Ost-Görlitz. 

An die Geschichte der griechischen Gemeinschaft erinnern heute ein Obelisk im Paderewskipark, die Gräber des Stadtfriedhofs auf deutscher Seite und das Festival des Griechischen Liedes. Initiator Nikos Rusketos ist Nachkomme jener Gruppe von Griechen, die 1949 an die Neiße kamen. Der Musiker Rusketos rief 1998 das Festival ins Leben, das seither regelmäßig durchgeführt wird. Mit dem Status als nationale Minderheit werden die Griechen an der Neiße noch mehr auf die Beine stellen können, hofft Rusketos, „vor allem werden wir Griechischunterricht an Schulen kämpfen.“

Klaudia Kandzia, Till Scholtz-Knobloch / 01.08.2026

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