Lösung für Kamenzer Stadtarchiv in Sicht?

Im Kamenzer Stadtarchiv haben Thomas Binder (mi.) und seine Kollegen Ute Lauber u. Tobias Geweniger viel zu tun. Sie würden sich über weitere Mitarbeiter genauso freuen wie über mehr Platz. Foto: Beate Diederichs
In den letzten dreißig Jahren haben sich die Bestände des Kamenzer Stadtarchivs fast verdoppelt, unter anderem durch die Eingemeindungen. Der Hauptstandort im Rathaus platzt aus allen Nähten. So lagerte man bereits Material aus. Mittelfristig könnte die „Alte Amtshauptmannschaft“ gegenüber dem Rathaus als weiterer Standort etabliert werden – wenn die Stadt im Haushalt 2027/28 Gelder dafür einplanen kann.
Kamenz. Im Benutzerraum des Stadtarchivs im Kamenzer Rathaus atmet man Geschichte. Antike Deckengestaltung, prächtige alte Holzmöbel, dezenter Geruch nach Papier. Eigentlich ein schöner Ort, um in historischen Akten zu recherchieren. „Doch wir haben hier nur drei Arbeitsplätze und können im gesamten Archiv nur Führungen bis zu acht Personen anbieten, was beispielsweise Schulklassen ausschließt“, kommentiert Thomas Binder. Er arbeitet seit rund zwanzig Jahren als Stadtarchivar in der Lessingstadt und verwaltet zunehmend den Platzmangel. „Eigentlich ist hier alles voll, zumal ständig Neues eintrifft“, sagt er. Bei der Rathaussanierung Mitte der 90-er Jahre schuf man diese Archivräume. Auch zu DDR-Zeiten und in den frühen 90-er Jahren war das historische Material schon im Rathaus untergebracht gewesen, aber ungeordnet und unter schlechten klimatischen Bedingungen. Zunächst schienen die neuen Räume eine gute Lösung zu sein. Aber als ab 1999 die Archivbestände der eingemeindeten Ortschaften hier eintrafen und auch die Stadtverwaltung viel Aktenmaterial produzierte, wurde es zusehends eng. „Die Bestände haben sich in den letzten dreißig Jahren nahezu verdoppelt“, stellt Thomas Binder fest.
Das Material ist derzeit auf verschiedenen Ebenen innerhalb des Rathauses untergebracht. Die Registratur, die zentrale Aufbewahrung von Akten aus der Verwaltung, hat unter dem Dach ihren Platz gefunden. In diesem Jahr wurde sie mit dem Stadtarchiv zusammengelegt. „Die Registratur enthält Material neueren Datums, zum Beispiel die Stadtratsprotokolle. Nach dreißig Jahren muss man entscheiden, was davon dauerhaft archiviert werden soll“, erläutert Binder.
Der Platzmangel bedeutet: Schrift- und Sammlungsgut aus Privatbesitz, das für die Stadtgeschichte genauso wichtig ist, kann nur noch bedingt angenommen werden. „Interessenten sollten natürlich trotzdem immer anfragen“, betont der Archivar.
Die Stadt Kamenz sucht nach Lösungen für das Problem, auch weil die Pflege der Stadtgeschichte sowie die Aufbewahrung von Archivalien kommunale Pflichtaufgaben sind. „Gerade unsere 800-Jahr-Feier hat gezeigt, wie wichtig diese Zeugnisse aus der Vergangenheit sind“, meint Oberbürgermeister Michael Preuß. Es ist nicht nur nötig, qualifiziertes Personal zu rekrutieren – der Stadtrat empfahl bereits 2024, zwei weitere Stellen im Archiv einzurichten. Zusätzlich muss man die Platzfrage lösen: Zunächst lagerte man Material in „Nebengelasse“ im Rathaus aus. Dann überführte man einen Teil der historischen Akten an zwei Nebenstandorte außerhalb des Hauses: in den Keller der Kamenz-Information und in ein Gebäude am Bönischplatz.
Für die Nutzer macht das keinen Unterschied: Für sie ist nach wie vor das Rathaus die Anlaufstelle. Doch für Thomas Binder und seine Kollegen Tobias Geweniger und Ute Lauber bedeutet es oft längere Wege und weniger Übersichtlichkeit. Daher prüfte die Stadt in den vergangenen Jahren weitere Möglichkeiten: Man erwog beispielsweise, das stadteigene Objekt „Feuerhaus“ zu nutzen und es mit einem Teilneubau zu ergänzen. „Nicht jedes Gebäude ist geeignet, ein Archiv zu beherbergen. Denn um die schweren Regale und Schränke tragen zu können, muss es bestimmte statische Bedingungen erfüllen“, erklärt Thomas Binder. Mit der „Alten Amtshauptmannschaft“, die die Stadt 2024 erwarb und die direkt gegenüber dem Rathaus liegt, gibt es nun eine weitere realistische Option.
„Dieses Gebäude könnte neben Archivmaterial auch einen Teil der Verwaltung aufnehmen“, kommentiert Michael Preuß. Jetzt strebt man an, im Haushalt 2027/28 Gelder dafür einzustellen, das Haus für seine neue Aufgabe fit zu machen. Eventuell kann die Stadt Kamenz dafür Mittel aus dem Förderprogramm „Lebendige Zentren“ nutzen, müsste aber auch einen Eigenanteil beisteuern.
„Wir Archivmitarbeiter würden uns jedenfalls sehr freuen, wenn das klappt. Immerhin wäre es das erste Mal, dass wir für all unsere Bestände einen Neubau bekommen – beziehungsweise arbeitsorganisatorisch oder magazintechnisch angemessene Bedingungen“, meint Thomas Binder.