Ungewöhnlicher Kontakt mit Joachim Gauck

Joachim Gauck bei seiner Ansprache zur Verleihung des Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz an ihn im Kulturforum Görlitzer Synagoge am 4. Februar Foto: Matthias Wehnert

V.l.n.r. die Görlitzer Stadtoberhäupter Rafal Gronicz und Octavian Ursu, Joachim Gauck und Prof. Willi Xylander, Präsident der Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz. Foto: Matthias Wehnert
Die Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises hat die Ehrung 2025 an Altbundespräsident Joachim Gauck vorgenommen. Bertram Oertel übernahm es gerne, für den Niederschlesischen Kurier zu berichten, hatte ihn Gauck doch 2012 nach 47 Jahren tatsächlich wiedererkannt.
Görlitz. Zum Benefizkonzert des damals neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck in der Semperoper Dresden am 10. Juni 2012 unter dem neuen Chefdirigenten Christian Thielemann der Sächsischen Staatskapelle war ich eingeladen. Nach dem Konzert drängten sich die Gratulanten und Autogrammjäger im Vestibül um Joachim Gauck, sodass ich die Gelegenheit hatte, mit dem damaligen sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich in Ruhe zu sprechen. Joachim Gauck bemerkte uns, kam auf uns zu, gab mir die Hand und fragte, wie es mir gehe. Ich war überrascht, denn mir war nicht bekannt, Joachim Gauck persönlich zu kennen. Er sagte: „Sie haben doch mit einer Mädchengruppe einmal im Pfarrhaus Rostock übernachtet.“ Da fiel mir ein, dass ich im Herbst 1965 – als Vertretung für eine Freundin, die Kulturleiterin beim FDGB-Feriendienst Rostock war – mit einer Gruppe Auszubildender aus Baabe und Göhren auf Rügen im Theater Rostock war. Die Vorstellung verzögerte sich, sodass uns der letzte Bus vor der Nase wegfuhr. In der DDR war vieles knapp, und es gab weder Handys noch flächendeckende Telefonanschlüsse, aber Busse und Bahnen fuhren zu unserem Leidwesen meist pünktlich. So standen wir ratlos im Dunkeln an der Bushaltestelle, bis ein älterer Rostocker uns den Rat gab, doch einmal ins Pfarrhaus hinüberzugehen – dort sei ein junger Pastor, und auf dem Heuboden gebe es Schlafplätze. Der junge Pfarrer erlaubte uns, im Pfarrhaus zu übernachten. Ich nahm daher an, dass dieser junge Pfarrer Joachim Gauck war.
Am 4. Februar wurde Joachim Gauck nun in Anerkennung seiner Verdienste um Verständigung und Aussöhnung mit Polen im Kulturforum Görlitzer Synagoge der Brückepreis 2025 verliehen. In dieser Gelegenheit sprach ich ihn noch einmal auf die Übernachtung mit den Mädchen an. Er verzog etwas die Miene und meinte, 1965 könne nicht stimmen, denn damals sei er noch kein Pfarrer gewesen, sondern habe gerade erst sein Vikariat begonnen. Da ich jedoch genau wusste, dass es 1965 gewesen war, musste uns also der junge Vikar Joachim Gauck damals spontan seine Hilfe zuteilwerden lassen.
Joachim Gauck wurde besonders deshalb geehrt, weil er sich als Bundespräsident intensiv für die deutsch-polnische Verständigung und Aussöhnung eingesetzt hatte. Neben dem Präsidenten der Brücke-Gesellschaft, Prof. Willi Xylander, der auf die gegenwärtigen Gefahren durch die Polarisierung der Großmächte hinwies, sprachen die beiden Stadtoberhäupter Octavian Ursu und Rafal Gronicz, ebenso Ministerpräsident Michael Kretschmer und der niederschlesische Vizemarschall Jaroslaw Rabczenko. Die Laudatio hielt der ehemalige polnische Botschafter Jan Tambinski, der in einer ausgezeichneten, auf Deutsch gehaltenen Rede nicht versäumte auf historische und gegenwärtige Probleme im Verhältnis der beiden Nachbarländer hinzuweisen. Nach 25 Jahren EU gestalte man heute eine gemeinsamen Verteidigungsbereitschaft innerhalb der NATO.
Joachim Gauck selbst betonte in seiner Ansprache die Bedeutung der Freiheit als Grundbedingung des demokratischen Lebens, die von jeder Generation neu erkämpft werden müsse. Er sprach über seine Erfahrungen mit fehlender Freiheit in der DDR und appellierte an Mut und Verantwortung jedes Einzelnen. Dabei hob er das Verbindende im demokratischen Prozess hervor, der von jeder Generation neu ausgestaltet werden müsse. Mit Blick auf Polen betonte er die gemeinsamen Erfolge bei der Bewältigung der schwierigen Vergangenheit, erwähnte aber auch die noch zahlreichen offenen Baustellen.
In diesem Zusammenhang erinnerte Gauck an das Leid und Unrecht, das Polen während des Nationalsozialismus erlitten hat. Polen habe im Görlitzer Vertrag 1950 auf Reparationen verzichtet, während die DDR im Gegenzug auf die deutschen Ostgebiete verzichtete, und auch in den Zwei-plus-Vier-Verträgen habe Polen noch einmal auf jedwede Wiedergutmachung verzichtet. Dennoch sei der in Polen wieder lauter werdende Ruf nach Entschädigung für erlittenes Unrecht berechtigt. Deutschland müsse zwar nicht die überzogene polnische Forderung von 1,3 Billionen Euro anerkennen, solle jedoch eine angemessene moralische und materielle Entschädigung leisten. Rein materiell ist meines Erachtens anzumerken, dass Deutschland in den Zwei-plus-Vier-Verträgen auf 103.000 Quadratkilometern inklusive aller Bodenschätze, Industrien, Museen und Gebäude zugunsten Polens verzichtete, dessen Wert wesentlich über den Kriegsschäden in Polen liegt. Das Moralische ist im Kriegssterben eine andere Sache. Doch nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Hitler den autokratisch regierenden polnischen Marschall Józef Pilsudski schätzte und eigentlich mit ihm gegen die Sowjetunion in den Krieg ziehen wollte. Nach dessen Tod erfuhr er von polnisch-französischen Gesprächen 1933 über ein mögliches militärisches Vorgehen gegen das nationalsozialistische Deutschland. Konkrete Operationsvorbereitungen für einen Präventivkrieg sieht die historische Forschung gleichwohl nicht.
Verwundert war ich in jedem Fall darüber, dass Joachim Gauck mit keinem Wort auf den vermutlich wichtigsten Aussöhner zwischen Deutschland und Polen einging: den Brückepreisträger von 2006, den Nobelpreisträger und Ehrenbürger Danzigs, Günter Grass, den Gauck persönlich kannte und schätzte. Joachim Gauck vertrat die Bundesrepublik 2015 als Bundespräsident bei der Beerdigung von Günter Grass in Behlendorf bei Lübeck.
Grass hatte 2006 die Annahme des Brückepreises abgelehnt, nachdem es im Görlitzer Rathaus innerhalb der CDU-Fraktion sowie durch den damaligen Oberbürgermeister Joachim Paulick öffentlich geäußerte Vorbehalte gegen die Preisvergabe an ihn gegeben hatte. Hintergrund war die Tatsache, dass Günter Grass als Minderjähriger am 10. November 1944, also kurz vor Kriegsende, nicht – wie von ihm erhofft – zur Marine, sondern zur Waffen-SS eingezogen wurde. Paulick befürchtete, dass Görlitz nach einer Preisvergabe an Grass international in schlechtes Licht geraten könnte. Die internationale Presse nahm jedoch gerade diese fragwürdige Begründung der Ablehnung zum Anlass, nicht eben positiv über Görlitz zu berichten.
Da Joachim Gauck ein Mann der Diplomatie ist, hat er vielleicht gerade deshalb seine Beziehung und letzte Begegnung mit dem verdienstvollen Brückepreisträger Günter Grass unerwähnt gelassen.
Auch in Erinerung daran, gaben die Juroren dem Brückepreis 2023 eine neue Satzung. Nun steht nicht mehr ausschließlich die deutsch-polnische Aussöhnung und Verständigung im Vordergrund, sondern es sollen generell Bemühungen um internationale Verständigung gewürdigt werden – ähnlich wie es der Preis der ersten Brückepreisträgerin, der Preis der Stiftung Marion Gräfin Dönhoff, bereits seit Jahren praktiziert. Vor diesem Hintergrund dürfen wir auf die Verleihung des Brücke-Preises für das Jahr 2026 gespannt sein.