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Die Görlitzer Rotarier stellen sich hohes Ziel

Die Görlitzer Rotarier stellen sich hohes Ziel

Kunsthistoriker Dr. Andreas Bednarek hat bereits einige Ideen parat, wie eine Renovierung der Gruft in Radmeritz den Tourismus entlang der Neiße aufwerten könnte. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Ein Konzert des Rotary Clubs Görlitz am Sonnabend in der Paulskirche spielt wieder Gelder für Schwimmkurse für sechs- bis zehnjährige Kinder aus bedürftigen Familien ein. Aber nicht nur dafür: Die Rotarier haben sich nun auch eines großen kulturhistorisches Projektes angenommen. Der aktuelle Rotary-Präsident Dr. Andreas Bednarek stellte der Redaktion die Sicherung und Renovierung des Grufthauses Radmeritz vor.

Görlitz/Radmeritz.
Wer heute über den stillen Kirchhof der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Radmeritz (Radomierzyce) – gegenüber von Hagenwerder – geht, ahnt kaum, dass sich hier eines der bemerkenswertesten Zeugnisse barocker Sepulkral-, also Bestattungs- und Gedächtniskultur der Oberlausitz befindet: das Grufthaus des freiweltlich-adligen evangelischen Fräuleinstifts Joachimstein.

Die Kirche selbst entstand zwischen 1698 und 1713 unter dem Einfluss der Dresdner Architekten Christoph Beyer und Matthäus Daniel Pöppelmann. In dieser Zeit regierte der sächsische Kurfürst Friedrich August I. – zugleich auch als König August II. von Polen und Großfürst von Litauen. Sein Kammerherr Joachim Sigismund von Ziegler und Klipphausen ließ unweit der Neiße das Stift Joachimstein errichten – eine großzügige Anlage für unverheiratete evangelische Adelsdamen, die 1728 dort einzogen. Solche Fräuleinstifte entstanden im protestantischen Adel nach der Reformation, als viele Frauenklöster aufgehoben wurden. Sie boten unverheirateten adeligen Frauen Wohnung, Versorgung und gesellschaftlichen Status, ohne sie an klösterliche Gelübde zu binden. Die Grablege der Joachimsteiner Stiftsdamen entstand wenig später auf dem Kirchhof neben der Kirche.

In unmittelbarer Nähe finden sich weitere historische Zeugnisse: etwa das Grabmal des Ritters von Lossow von 1313, das als eines der ältesten Rittergrabmale des Ostens gilt, sowie mehrere Grabplatten des 16. und 17. Jahrhunderts an der Kirche. Im Inneren der Gruft liegt auch der Stifter selbst, Joachim Sigismund von Ziegler und Klipphausen, begraben. Mit der erzwungenen Auflösung des Stifts Joachimstein 1945 verlor das Grufthaus seine Funktion. Seitdem steht es ungenutzt und ist dem fortschreitenden Verfall ausgesetzt.

„Wir befinden uns hier zwar auf polnischem Territorium, aber hier wurde sächsisch-polnische Geschichte geschrieben. Denn Ziegler von Klipphausen war zugleich Augusts Kammerherr in Dresden und in Warschau“, sagt Dr. Andreas Bednarek, der Präsident des Rotary Clubs Görlitz, der mit den Rotariern aus Hirschberg (Jelenia Góra) nun grenzüberschreitend den Erhalt der Gruft in Angriff nimmt. Es sollen Spenden eingeworben werden, um das Grufthaus in Radmeritz zu sichern und schrittweise zu restaurieren. Denkbar ist langfristig eine stille Nutzung als Dokumentations- und Ausstellungsort zur Geschichte des Stifts Joachimstein, zur Sepulkralkultur der Oberlausitz und zur Restaurierung des Bauwerks selbst.
Erster Schritt auf diesem Weg ist ein Benefizkonzert, dessen Erlös neben der traditionellen Finanzierung von Schwimmkursen nun vor allem der Sicherung des Grufthauses zugutekommt. Am Sonnabend, dem 14. März, 19.00 Uhr spielt der international bekannte Organist Ennio Cominetti auf Vermittlung der Hirschberger Partnerrotarier an der Casparini-Mathis-Orgel der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz. Cominetti ist Organist, Komponist sowie Chor- und Orchesterleiter. Seine Konzerttätigkeit führt ihn seit Jahrzehnten in große Kathedralen und Konzerthäuser weltweit. Gleichzeitig setzt er sich bewusst für historische Instrumente in kleineren Städten ein. 

„Wir haben hier in Radmeritz mit dem Stift Joachimstein eine der größten Schlossanlagen, auch wenn es als Fräuleinstift genutzt wurde. Und mit der Grenzziehung 1815 entsteht eine ganz eigenwillige Situation. Dieses Joachimstift lag nämlich noch auf sächsischer und nicht auf preußischer Seite. Und die dazugehörige Kirche mit dem Grufthaus befindet sich auf einmal auf der preußischen Seite und ist damit auch schlesisch geworden. Ein abenteuerlicher Fakt, der kommt uns aber zugute, weil wir somit die Erika-Simon-Stiftung bemühen möchten“, so der Kunsthistoriker und Bauingenieur mit schlesischen Wurzeln.

Der Hintergrund dieser Grenzsituation liegt in der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen. Mit dem Wiener Kongress 1815 musste das Königreich Sachsen große Gebiete an das Königreich Preußen abtreten. Somit fielen Teile der Oberlausitz an die preußische Provinz Schlesien. An manchen Orten verlief die neue Grenze so kleinteilig, dass einzelne Gutshäuser und kirchliche Anlagen plötzlich auf zwei Länder verteilt waren. So auch in Radmeritz. 

Heute liegt die gesamte Anlage einschließlich Damenstift, Kirche und Gruft auf polnischem Territorium, aber die Rotarier wirken eben auf beiden Seiten der Neiße. Im polnischen Radmeritz trennt die Wittig (Witka) den Ort historisch aber eben auch in einen preußischen Teil und das auf altsächsischer Seite liegende Stift.

„Wir haben im Club Mitglieder und Freunde, die der polnischen Sprache mächtig und teilweise sogar Muttersprachler sind“, so Bednarek. Mit denen ist er unterwegs, um im polnischen Teil mit dem Denkmalschutz sowie Einwohnern und Kirchgemeindegliedern ins Gespräch zu kommen.

Bei der gemeinsamen Begehung des Areals mit der Redaktion betritt ein Mann das Gelände. Adam Zablocki aus Radmeritz besucht ein Familiengrab. Er zeigt sich als Zufallspassant für die Renovierungsinitiative der Grablege offen. „Wir nennen sie Totenhalle. Ich denke, man müsste mit dem Schloss anfangen, denn die Stiftsdamen wurden ja hier beigesetzt. Die Geschichte des Ortes ist den Einwohnern bewusst und alles, was diesen Ort in der Region bekannt macht, sehe ich als lobenswert an.“ 

Klaudia Kandzia / Till Scholtz-Knobloch / 14.03.2026

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