Schräge Opernreise in geträumte Welten

Bernhard F. Loges (Regie) und Florian Etti (Ausstattung) harmonieren künstlerisch wie menschlich – das macht ihre Zusammenarbeit authentisch. Foto: Till Scholtz-Knobloch
Realität oder Traum? Futuristische Mondfahrt contra Reisen ins Mittelalter. „Die Ausflüge des Herrn Broucek“ im Theater packen Görlitz ab 28. März am Schlafittchen: Ängstlich und opportunistisch agieren? Oder zementierte Wege verlassen und aus immer gleichen Denkmustern ausbrechen? Regisseur Bernhard F. Loges und Florian Etti (Ausstattung) geben mit dieser Oper quasi ein ’Plädoyer für integrierte Traumarbeit’ ab.
Görlitz. Bringt eine Bühne die Zauberflöte, Aida, La Traviata oder den Freischütz zur Aufführung, ist das fast ein Selbstläufer. Oder wie Theater-Pressereferentin Lilly Recknagel sagt: „Selbstläufer ist, wenn bei Nabucco der Gefangenenchor mitgesummt wird.“ Regisseur Bernhard Loges und Florian Etti (Ausstattung) sind daher vor allem dankbar, dass das Gerhart-Hauptmann-Theater echten Mut bewiesen hat und nicht den sicheren Weg, sondern den unbequemen Weg geht, den Kunst zu gehen hat.
Im Mittelpunkt der Aufführung steht Broucek, ein selbstzufriedener Prager Hausbesitzer, Biertrinker und Spießer. Komponist Leoš Janácek schickte ihn erstmals 1920 mit der Uraufführung – also kurz nach Gründung der Tschechoslowakei – auf zwei „Ausflüge“: Auf den Mond – in eine ästhetizistische Künstlergesellschaft, die nur von Kunst und Gefühl lebt. Und in das komplette Gegenteil: in das 15. Jahrhundert – die Zeit der Hussitenkriege in Böhmen, also eine von Idealismus und Opferbereitschaft geprägte Epoche.
Auslöser für Loges’ und Ettis Zusammenarbeit war die Inszenierung von ’The Rake’s Progress’, mit dem Loges im Mai 2022 am Landestheater Coburg Premiere feierte. „Das hat Florian gesehen und mir berichtet, dass er für das Bühnenbild etwas völlig Neues entdeckt hat. Er könne sich gut vorstellen, dass das mit uns beiden gut funktionieren könnte“, sagt Bernhard Loges, der entsprechende Überlegungen Daniel Morgenroth sandte und fragte, ob das für ihn und für Görlitz interessant wäre. Florian Etti schwärmt von der Arbeit mit dem 3D-Animationsprogramm Blender sowie mit TouchDesigner, das nicht auf 3D-Modellierung und Animation ausgelegt ist, sondern als visuelles Programmierwerkzeug auf Echtzeit-Grafik. Moderne Formen, die ideal ein Stück begleiten, bei dem die Frage diskutabel ist, ob dieses einen Traum verkörpern soll.
Bernhard Loges legt sich fest: „Ich würde sagen, es ist ein Traum, aber der befindet sich auf einer Schwelle. Es ist wie ein Erwachen in einem Traum.“ Die Traumlogik findet in der Digitalität in Görlitz nun ihre Entsprechnung. Übergänge sind abrupt und surreal.
In beiden Welten wirkt Broucek fehl am Platz. Er bleibt kleinbürgerlich, ängstlich und opportunistisch – egal, ob er unter dekadenten Mondkünstlern oder fanatischen Freiheitskämpfern steht. Brouèek trinkt, gerät in einen Zustand zwischen Rausch und Halbschlaf – und plötzlich öffnet sich eine andere Welt. Figuren tauchen in veränderter Form wieder auf. Mondbewohner spiegeln reale Prager Gestalten. Am Ende ist Brouèek wieder im Wirtshaus – scheinbar unverändert. Ist alles etwa eine satirische Versuchsanordnung? Jancèek scheint mit Orts- und Zeitwechseln seinen Helden bloßzustellen. Loges sagt: „Broucek wird durch mehrere Situationen durchdekliniert.“ Er trifft auf eine Welt mit hohen Idealen. Er versteht sie nicht oder verspottet sie. Am Ende rettet er sich feige oder opportunistisch. Die Szenenwechsel entstehen also nicht durch eine logisch erzählte Reise, sondern durch theatrale Verwandlung. Ist alles eine Satire auf ästhetische Weltflucht (Mond) und pathetischen Nationalidealismus (Hussiten), der Spiegelbild der Entstehungszeit des nun von Österreich-Ungarn abgekoppelten tschechoslowakishe Staates ist? Sicher vor allem auf den angepassten, selbstzufriedenen Kleinbürger. Bernard Loges sieht im Brouèek eine Widerspiegelung des literarischen ’Oblomov’ von Iwan Gontscharow – also jemanden, der einfach durch sein Nichtstun politisch relevant ist, eben weil er extrem träge, antriebslos und entscheidungsschwach daherkommt. Es ist nicht allein Faulheit, sondern ein Lebensgefühl des Stillstands, des Sich-Nicht-Entscheiden-Könnens und damit quasi auch Metapher auf die heutige Zeit der Überangebote, des Nicht-mehr-sortieren-Könnens. Florian Etti will diese Widersprüche aber keinesfalls geglättet sehen. ’Cocooning’ – das In-sich-Zurückziehen – habe ja auch aus Überforderung einst Biedermeier entstehen lassen. Und der Mensch, auch Brouèek ist doch eigentlich gefordert sich zu stellen. Ob Traum oder nicht, entscheidend ist nicht zwangsläufig die Frage nach der Realität, als vielmehr die Konfrontation des Helden mit Welten, in denen er moralisch versagt. Broucek ’reist’ – aber er entwickelt sich nicht. Genau darin liegt der bissige Kern der Oper.
Diese besteht aus zwei ursprünglich eigenständigen Teilen – eben der Mondreise und der Hussiten-Episode. Die Inhalte wurden später zusammengeführt, aber beide folgen demselben Prinzip: Der zweite Teil der Oper, der Broucek ins 15. Jahrhundert zu den Hussiten führt, ist im Grunde der entscheidende Punkt. Die Hussiten galten im tschechischen Nationalbewusstsein seit dem 19. Jahrhundert als frühe Freiheitskämpfer gegen Fremdherrschaft – religiös wie politisch. Nach 1918 ließ sich das problemlos als historische Tiefenwurzel eines neu gegründeten Staates lesen. Und eben in der Hussiten-Episode treten Opferbereitschaft, Gemeinschaftssinn und Kampfeswille in scharfem Kontrast zu Brouceks Feigheit. Diese Gegenüberstellung erzeugt ein Moment von Pathos – allerdings nicht ungebrochen heroisch, sondern als moralischer Prüfstein. Janáèek zeigte mit dem Stück Idealismus, aber er lässt ihn durch die satirische Brille betrachten. Er war kulturell-national geprägt, aber kein plakativer Nationalideologe. Politisch stand Janáèek dem Panslawismus nahe und sprach daher nur ungern Deutsch, obwohl er es fehlerfrei beherrschte. Gerade die Hussiten ließen das sprachliche Gleichgewicht Prags zwischen tschechischer und deutscher Sprache zu Ungunsten des Deutschen ins Ungleichgewicht geraten. Unabhängig davon kann kulturell dennoch die Botschaft an die junge Republik gelesen werden: Freiheit braucht Haltung. Wer nur bequem mitläuft, hat an entscheidenden Wendepunkten nichts beizutragen. Leoš Janácek hatte selbst mährische Volksmusik gesammelt, beschäftigte sich intensiv mit Sprachmelodien und wollte eine eigenständige, nicht deutsch dominierte Musiktradition Böhmen und Mährens etablieren. Die Hussiten erschienen ihm als historische Symbolfigur für Widerstandskraft – ähnlich wie idealisiert in Literatur und Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.
Hat sich dieses Konzept im Krieg geändert? Der Entstehungsprozess der Oper zog sich über Jahre hinweg – erste Ansätze gab es schon vor 1914. Der Erste Weltkrieg verschärfte die politische Lage im Habsburgerreich. Es gibt Hinweise, dass Janáèek den zweiten Teil bewusster als moralisch-nationale Kontrastfolie zu Brouèek ausgestaltete. Während der Mondteil eher eine Satire auf dekadente Ästhetik ist, wirkt der Hussitenteil ernster, kompakter und ideell aufgeladen. Krieg und Zerfall Österreich-Ungarns dürften diese Gewichtung verstärkt haben. Bei alledem bleibt Janácek ambivalent: Er schreibt kein nationalistisches Heldenepos. Das Pathos ist da – aber es wird durch den satirischen Rahmen gebrochen. Brouèek überlebt nicht als Held, sondern als Opportunist. Die Oper endet nicht mit Triumph, sondern mit leicht bitteren Nachgeschmack. Trotzdem bleibt die Oper Satire – kein nationales Manifest, sondern eine Charakterstudie über Feigheit im Angesicht großer Ideen.
Klingt das alles nicht etwas nach dem braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hašek, zeitnah 1920-1923 geschrieben? Bernhard Loges bekundet: „Ich weiß nicht so ganz, ob und wie Karel Capek und Svatopluk Cech sich gekannt haben. Aber ich glaube, diese Art der Figuren ist etwas sehr typisch Tschechisches.“ Èech übte frühe satirische Kritik am Kleinbürger, Hašek spitze radikal mit Schwejk zu, während Capek parallel eine andere, modernere Form von Gesellschaftskritik betrieb. Ihnen allen ist die Skepsis gegenüber Pathos und „großen Wahrheiten“ zu eigen. Brouceks Verzagheit kann am Ende also auch als eine Warnung davor verstanden werden, einfach alles über sich ergehen zu lassen. Willkommen im Jahre 2026!
Premiere ist am 28. März, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen: 6. April, 19.00 Uhr; 2. Mai, 19.30 Uhr; 17. Mai, 15.00 Uhr und 22. Mai, 19.30 Uhr.
