Vom faustischen Kampf der Metapher Deutsch-Ossig

Dieter Liebig in seiner Deutsch-Ossiger Hoffnungskirche, hier schon in Görlitz Foto: Matthias Lüttig
Dieter Liebig war bodenständiger Pfarrer von Deutsch-Ossig, Landrat und Schriftsteller. Vor einem Monat, am 19. Juni, verstarb er und hinterließ der Region ein Vermächtnis, das zeitlos ist.

Gedenkplatte für Pfarrer Henner-Jürgen Havenstein am Friedhof in Daubitz Foto: Till Scholtz-Knobloch
Deutsch-Ossig/Daubitz. CDU-Kommunalpolitiker Tilmann Havenstein kann die Worte seines Vaters Henner-Jürgen Havenstein – des Daubitzer Pfarrers von 1957 bis 1996 – wie aus der Pistole geschossen zitieren, die nach anderen Fürbitten und vor dem Vater Unser sowie dem Segen Woche für Woche den Abschluss der Daubitzer Gottesdienste schon lange Jahre vor der Wende einleiteten: „Lieber Gott, schenke uns die Einheit unseres deutschen Vaterlandes.“ Diese unbändige furchtlose Renitenz dahinter ließen beim heranwachsenden Dau-bitzer Dieter Liebig den Wunsch reifen, den eigenen Lebensweg ebenso im Dienste des Herrn zu suchen.
„1977 kam Dieter Liebig als Vikar ins Industriegebiet Hagenwerder und dann als Pfarrer nach Deutsch-Ossig“, berichtet die gebürtige Schirgiswalderin Sabine Bauer-Helpert, die Lebenspartnerin Dieter Liebigs, die nun am Nachlass weiterarbeit, nachdem sie die letzten Jahre bereits mit ihm zahlreiche Dokumente sortiert und aufbereitet hat. Bauer-Helpert, selbst lange Jahre Pfarrerin in der Pfalz, begegnete Dieter Liebig erstmals 2016 auf einer Radtour um den frisch aufgestauten Berzdorfer See, der das einstige Deutsch-Ossig unter seinen Wassern begraben hatte – es war der 6. August, der Hiroshimatag, wie ihr besonders wichtig ist. Die Korrespondenz blieb knapp, aber der Eindruck vom Lebenswerk Liebigs war gewaltig. 2022 erinnerte sich Dieter Liebig an die neugierige Neugörlitzerin, gab immer tiefere Einblicke und die Zuneigung ließ beide spüren, einen Partner gefunden zu haben. Sabine Bauer-Helpert spricht vom „Geschenk im Alter“.
Dieter Liebig befand sich früh im Fokus der Staatssicherheit, denn der Tagebau Berzdorf bedrohte die Existenz des Dorfes.
Dieter habe im Grunde auch nie eine anderen Wirkungsort als Deutsch-Ossig gesucht – das Schicksal des Dorfes spiegelte sein Wesen wieder, die echten und scheinbar unlösbaren Aufgaben zu suchen. Er verarbeitete dies bereits früh literarisch.
Er kämpfte für den Ort, die Menschen und ihre Kirche. Die Rettung vor der Abbaggerung gelang ihm nicht, aber doch die Errichtung eines Kopiebaus in Görlitz-Königshufen. Seit 1998 erstrahlt dort zwischen der sozialistischen Platte die alt-neue Hoffnungskirche in ihrem barocken Glanz.
Dieter Liebig schrieb rund sechzig Stücke, meist Einakter: mit biblischem, und das heißt mit gesellschaftskritischem Bezug. In vielen Kirchen der Region inszenierte er sie mit eigener Spielgruppe. Sabine Bauer-Helpert zitiert einen Kommentar von 1988: „Wenn man den Ärger, den man sich mit Schreiben einhandeln kann, als einen Gradmesser für Erfolg nimmt, dann ist Dieter Liebig sehr erfolgreich. Seine Stücke sind eine einzige Provokation.“
Tatsächlich wurde er in den letzten Jahren vor der Wiedervereinigung nicht mehr gedruckt, alles erst später veröffentlicht. Sein letztes Stück „Der schwarze Tod“ entstand unter Corona. Die Spielgruppe nahm es 2022 als Hörspiel auf.
Mit dem fortschreitenden Verschwinden von Deutsch-Ossig wurde Dieter Liebigs Planstelle in Deutsch-Ossig auf 25 Prozent heruntergeschraubt, so dass er sich seelsorgerisch parallel auch auf Usedom verdingen musste. Den fehlenden Rückhalt kirchlicher Strukturen habe Dieter Liebig als eine bittere Erfahrung mit sich getragen.
Wegen der prekären Situation seines Dorfes entwickelte sich Dieter Liebig jedenfalls zu einem Kenner der Energiepolitik der DDR und zum Chronisten der Entwicklung in den Tagebauen der Oberlausitz und des Dreiländerecks. Mit Fotografien von Matthias Lüttig aus Dresden entstanden von 1990 bis 2025 eindrucksvolle Dokumentationen (Reporte) und Ausstellungen.
Als Landrat des Kreises Görlitz nach der friedlichen Revolution musste er das Erbe im Energierevier antreten: 6.000 Arbeitsplätze oder das Dorf Deutsch-Ossig. Am Ende war beides weg. Aber manches andere gelang, und die Autobahn verband endlich Deutschland und Polen.
Nach der Kreisreform 1994 wirkte Dieter Liebig im Landkreis Löbau-Zittau grenzüberschreitend. Das sogenannte Schwarze Dreieck, Ergebnis jahrelanger Umweltzerstörung, galt es durch eine ökologische Energiekonzeption in Kooperation mit Polen und Tschechien zu beseitigen. Heute ist das schwarze Dreieck weitgehend wieder grün.
Ab 2001 befasste sich Dieter Liebig als freiberuflicher Schriftsteller mit der Geschichte der Region und bearbeitete sie literarisch: Sechsstädtebund und Pönfall, Reformation, Bauernkrieg, Leben und Werk Jakob Böhmes, die Befreiungskriege, Theodor Körner, der Erste Weltkrieg, um einiges zu nennen. Fünf große Romane sind ebenfalls entstanden. Daneben schrieb er lyrische Texte: Kantaten, Oratorien, Passionen, die vertont und aufgeführt wurden, zuletzt im vergangenen Jahr das „Jakob-Böhme-Experiment“.
„Fast hätte er es geschafft, das fünfzigste Jahr engagierten Schreibens zu vollenden“, fasst Sabine Bauer-Helpert zusammen. Seine vierjährige Landratszeit bleibe literarisch unvollendet, denn hierzu habe er nur drei Jahre umgesetzt. Hingegen haben beide gemeinsam bei der Umweltbibliothek Großhennersdorf die Dokumentationen zu Umweltzerstörungen zu DDR-Zeiten zuletzt sehr gut aufbereitet.
Nun würden Dieter Liebigs Freunde im Spätherbst das Jubiläum als literarisch-musikalischen Nachmittag gestalten mit Lesungen aus Dieter Liebigs Werk, ihm zu Ehren und zum Gedenken. Seinen 75. Geburtstag am 5. August hat Dieter Liebig in dieser Welt verpasst, aber zum Buß- und Bettag am 18. November soll die Hoffnungskirche ihren Wegbereiter noch einmal große Ehre erweisen. „Dieter ist nie von Deutsch-Ossig weggekommen“, urteilt Sabine Bauer-Helpert in dankbarer Anerkennung. So gesehen ist sein 2015 erschienener Roman „Faustisch – ein Deutsch-Ossig-Roman“ um den Konflikt zwischen Braunkohleabbau und Heimatverlust vielleicht sein wichtigste literarische Arbeit. Der Titel lehnt sich an die Faust-Idee an: den Handel mit großen Versprechen, Fortschritt und Macht – und die Frage nach dem Preis, den Menschen und Landschaft dafür zahlen. Wie bei Goethe verliert zwar der „Teufel“ den Anspruch auf einen endgültigen Sieg über den Menschen, aber die von ihm symbolisierte Versuchung und die Folgen des Handelns bleiben zurück. Eine Besonderheit bei Liebig ist, dass der eigentliche „Faustische Handel“ nicht nur zwischen Mensch und Teufel stattfindet, sondern zwischen Gesellschaft und Landschaft: Die Kohle bringt Energie und Wohlstand, fordert aber den Preis einer verlorenen Heimat. Der hiesige Mephistopheles wird vom Teufel rausgeschmissen. Es bleibt jedoch der Mut, dass der Kampf gegen die Obrigkeit nicht völlig vergebens sein muss.
Dieter Liebig habe für diese Prinzipien und die Pflicht auf Erden eine Analogie in der Bibel gefunden, so Sabine Bauer-Helpert. In 1. Könige 17,1 fällt das Auftreten des Propheten Elia in eine schwierige Zeit für das Nordreich Israel. König Ahab regiert und hat durch seine Heirat mit der phönizischen Königstochter Isebel die Verehrung des Gottes Baal stark gefördert. Der Baalskult breitet sich aus, während der Glaube an den einen Gott Israels zurückgedrängt wird. In diese Krise tritt Elia vor den König und kündigt im Auftrag Gottes eine schwere Dürre an. Er stellt damit auch den Anspruch des Baal-Kultes infrage, denn Baal galt als Gott der Fruchtbarkeit und des Regens. Die dauernde Bereitschaft und Verantwortung vor Gott sei Lebensprinzip auch Dieter Liebigs gewesen ebenso furchtlos aufzutreten. Menschenfurcht trat hinter Gottesfurcht zurück, denn der wahre König Israels ist nicht Ahab, sondern Gott. „So wahr der Herr lebt, vor dem ich stehe …“