Literatur zwischen Bioladen und Polizei

Tobias Sprunk, Leiter der Stabsstelle Kommunikation bei der PD Görlitz, liest – wie sollte es auch anders sein? – aus einem Krimi. „Glatz“ von Tomasz Duszynski spielt im Vorkriegs-Glatz. Duszynski ist u.a. Computerspielautor („Dead Island Riptide“)
Das Schlesische Nachtlesen kommt auch 2026 etwas elitär mit einem streng gefilterten Kreis an Vorlesern daher – aber auch in diesem Profil, das eine Förderung vom Bundesinnenministerium so begünstigt, spiegelt sich immerhin eine hohe Bandbreite wider.
Görlitz. Polizeipräsidium, Bioladen, neue Ateliers oder alte Fabriken: Am Samstag, den 18. April, verwandeln sich 15 Orte in und um Werk I der Rabryka in ungewöhnliche Lesebühnen. Im Alltag oft unzugänglich, werden sie an diesem Abend Gastgeber von Lesungen, die von 17.00 bis 22.00 Uhr parallel stattfinden. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Handel, Öffentlichem Dienst, Kunst und Kultur lesen Texte über Schlesien und die Lausitz vor. Das Publikum beginnt seinen literarischen Spaziergang an einem beliebigen Ort und flaniert nach Lust und Laune von einer Lesung zur anderen.
Zentrum des Geschehens ist in diesem Jahr die Rabryka. Die weiteren Vorleseorte liegen in seiner (post)industriell geprägten Umgebung, die Fortschritt und Unternehmergeist des 19. Jahrhunderts atmen. Passend dazu werden Texte zu Gehör gebracht, die unterschiedliche Facetten der Arbeitswelt beleuchten und dabei auch regionaltypische Berufe der Vergangenheit und der Gegenwart zum Thema haben. Wir begegnen Glasmachern („Aus Salz und Asche“ von Ivonne Hübner), Bergleuten („Die schiefe Kirche“ von Karin Lednická), Weinbauern und Winzern („Grünberger Schattenseite“ von Heinrich Lee), Webern und Spinnern („Friedrich Sadebeck, ein schlesischer Baumwollspinner“ von Brigitte Weiß-Kobayashi), Tuchfabrikanten („Horn und Söhne“ von Carl Hoinkes), Wissenschaftlern („Die vier Prinzipien wissenschaftlicher Kreativität“ von Itai Yanai und Martin Lercher), lernen aber auch Professionen in der Kunstbranche („Warum ist Kamilla schön?“ von Hugo Perls), Kriminalpolizei („Glatz“ von Thomas Duszynski) oder im Zirkus („Das Spiel meines Lebens“ von Paula Busch) kennen.
Im Sinne einer gesunden Arbeit-Freizeit-Balance kommt auch eine Welt zur Sprache, in der Arbeit keine große Rolle spielt („Die Glühbirnendiebe“ von Tomasz Rozycki, „Die Flucht der Bärin“ von Joanna Bator, „Sommer gab es nur in Schlesien“, hrsg. von Jochen Hoffbauer). Von der Niederschlesischen Oberlausitz (ent)führen die vorgetragenen Texte das Publikum über das niederschlesische Kernland bis nach Oberschlesien sowie Tschechisch-Schlesien und überzeugen davon, dass Literatur nach wie vor der schönste Weg ist, sich einer Region zu nähern und ihren Geist zu erspüren.
Die Vorleser sind wieder Görlitzer Urgesteine wie Christiane Hoffmann, seit 30 Jahren Projektleiterin des Straßentheaterfestivals Via Thea, oder Helmut Goltz, dessen Seilerei dieses Jahr ihr 190-jähriges Bestehen feiert und als Familienbetrieb in achter Generation geführt wird. Die Künstlerin Anja-Christina Carstensen, der Musiker Frank Pschichholz, der Investor Bernhard Icking von der Energiefabrik Görlitz oder Chefdramaturg Martin Stefke vom Gerhart-Hauptmann-Theater kamen vor mehreren Jahren nach Görlitz und wirken nun hier. Neue Gesichter unter den Vorlesern sind Dr. Stephan Aderhold, der neue Geschäftsführer der Kirchlichen Stiftung evangelisches Schlesien, oder Frank Zeiler, der neue Geschäftsführer der Rabryka.
Von außerhalb kommen Christiane Lehmann, die Leiterin des Glasmuseums in Weißwasser, und der Künstler Klaus Weingarten aus Hannover, bekannt vor allem unter Jacob-Böhme-Freunden.
Kulinarisches zum Waggonbau in der Rabryka
Ein besonderer Moment ist es jedes Mal, wenn Gastgeber der Vorleseorte selbst zum Buch greifen. Friederike Saur vom Görlitzer Stofflädchen überrascht damit ihre Kunden und natürlich auch andere Gäste. Und auch in der Polizeidirektion, bei CASUS und im Atelier Sebastian Hähnel schlüpfen Polizist (Tobias Sprunk), Wissenschaftler (Michael Beerbaum, Dr. Martin Laqua) und Künstler (Sebastian Hähnel, Sascha Röhricht) selbst in die Rolle der Vortragenden.
Und wo ein Bergbauroman vorgelesen wird, dort schlüpft Jürgen Zelder vom Verein Oberlausitzer Bergleute e.V. in seine alte Bergmannsuniform.
Einen Vorgeschmack auf das Nachtlesen erleben die Gäste von „Schichtwechsel“ bereits ab 14.00 Uhr in der Rabryka. Die Auftaktveranstaltung Schichtwechsel – Gespräche und Kulinarisches aus der Kantine vereint einen Blick auf Geschichte und Gegenwart des Waggonbaus in Görlitz mit einem Menü wie aus der Betriebskantine. Entlang von Vorspeise, Hauptgericht und Dessert gibt es literarische Beiträge, Erinnerungen, Gespräche und Raum für Unterhaltungen am Tisch.
Veranstalter des Schlesischen Nachtlesens ist das Kulturreferat für Schlesien am Schlesischen Museum. Der Eintritt kostet 10 Euro im Vorverkauf bis 17. April im Schlesischen Museum und 13 Euro am Veranstaltungstag im Museum und der Rabryka.
Der beleitende „Schichtwechsel“ am 18. April, 14.00 bis 16.30 Uhr ist eine Veranstaltung der Rabryka mit Polyformers, dem Kollektiv für freie Theaterprojekte und dem Kulturreferat für Schlesien. Eintrittskarten hierfür kosten 10 Euro bzw. 5 Euro für Gäste des Schlesischen Nachtlesens. Eine Anmeldung bei der Rabryka ist hierzu erforderlich.